Profly Ostgrönland-Expedition 2009
Die Idee, Ostgrönlands Berge mit dem Gleitschirm zu erkunden, entstand vor vielen Jahren nach der Lektüre von Robert Peronis Buch, „Der weiße Horizont“.
Meistens wird der Gleitschirm zur reinen Unterhaltung benutzt. Seine ursprüngliche Aufgabe, den müden Bergsteiger nach einem langen Aufstieg schnell und sicher zurück ins Tal zu bringen, wird nur noch von einigen Wenigen wahrgenommen. Die extreme Landschaft Ostgrönlands ist noch weitgehend unerforscht und größtenteils völlig unberührt. Die meisten Berge haben keinen Namen und viele sind noch nie bestiegen worden. Mein Traum war es, einige dieser Berge zu besteigen und mit dem Gleitschirm hinab zum Basislager zu fliegen. Der Clou an der Sache aber sollte sein, die Gleitleistung der modernen Schirme auszunutzen, um über Gebiete zu fliegen, die zu Fuß unzugänglich sind, wie z.B. Eisberge, Gletscherbrüche und enge Eisfjorde. Oder vertikale Granitbrüche, die in riesige Halden aus Gneis- und Granitquadern auslaufen.
Mit dem Boot in entlegene, unberührte Gebiete gebracht werden, dort das Basislager aufbauen und die Berge zu Fuß und mit dem Gleitschirm erkunden, war die Idee, die ich Ende letzten Jahres Gudrun, Alessio, Denis und Mirco unterbreitet habe.
Die Auswahl der Expeditionsteilnehmer war nicht einfach: Jeder sollte Bergerfahrung haben, konditionell und psychisch gut drauf sein und vor allem ein sehr guter Gleitschirmpilot sein; denn niemand konnte ahnen, bei welchen Bedingungen wir starten und fliegen werden. Dazu kam noch, dass man bei unbegleiteten Expeditionen in Ostgrönland ein Gewehr gegen agressive Eisbären mitführen muss. Deshalb sollten einige der Teilnehmer damit umgehen können. Und dann braucht es natürlich noch den Fotografen, der wichtigste Mann, in unserem Fall eine Frau, der Expedition.
Mit Mirco, Fluglehrer, Kajekexperte und ehemaliger Scharfschütze bei der Sondereinheit des italienischen Militärs, haben wir den richtigen Mann gefunden, um die Eisbären in die Flucht zu schlagen.
Alessio, Fluglehrer, Sportkletterer, Bergführer und Canyoningexperte bot sich geradezu dazu an, die Aufstiegsrouten für die Erstbesteigungen auszuhecken und uns mit Pickel, Steigeisen und Seil sicher auf den Gipfel zu bringen.
Denis, Akropilot, Förster, erfahren im Umgang mit dem Gewehr und ambitionierter Videofilmer sprang als Ersatz für den verhinderten Steven Spielberg ein und sollte uns verteidigen, wenn der Bär Mirco fressen sollte.
Gudrun, Fotografin (mehrere Bücher und unzählige Publikationen), Acro- und Testpilotin, bergerfahren und unerschrocken, was schlechte Startplätze betrifft, ist für die Fotos zuständig.
Ich, Fluglehrer, Designer, Testpilot, expeditionserfahren und Leiter der ganzen Sache, hatte die Aufgabe, alles zu organisieren und Gudrun im Tandem, von dem aus man deutlich besser fotografieren kann als im Soloschirm, zu transportieren.
Soweit das Team. Durch die Hilfe von Robert Peroni, der in Tassilaq ein Berghotel mit geführten Touren und Expeditionen betreibt, konnten wir die schwer zu bekommenden Flüge nach Ostgrönland buchen.
Die Ausrüstung zusammenzustellen war die nächste, schwierigere Aufgabe. Maximal 25 kg Gepäck pro Kopf im Linienflug, inklusive Gleitschirm, Schlafsack, Zelt, Isomatte, Medizin, Bekleidung für die nicht gerade sommerlichen Temperaturen und der Fotoausrüstung stellten uns vor eine große Herausforderung.
Leichtgurtzeuge, ultraleichte Gleitschirme, sehr warme Schlafsäcke und passende Funktionsbekleidung mussten her! Dazu kamen noch ein tragbares Solarpannel für die Akkus der Kameras, eine tragbare Alarmanlage gegen pelzige Eindringlinge, viele, viele Speicherkarten, die obligatorische Satellitenkommunikation - in unserem Fall ein Iridiumhandy und ein Spot Messenger als Tracker.
Nach der ersten Kostenaufstellung war klar, dass wir ohne Sponsoring diese Expedition nicht finanzieren konnten, also machten wir uns auf die Suche nach geeigneten Partnern. Da wir selbst Unternehmer sind, haben wir nur Firmen kontaktiert, die von diesem Sponsoring auch wirklich Nutzen ziehen können:
Kimfly, spezialisierter slowenischer Hersteller, der die leichtesten Gleitschirme der Welt herstellt, hat uns alle Schirme zur Verfügung gestellt. Der Tandem fehlte leider in der Palette, den haben wir kurzerhand noch zusammen entwickelt, konstruiert und getestet. Das Ergebnis war ein sensationell leistungsfähiger Biplaceschirm mit weniger als 5 kg - jeder Serieneinzelsitzer wiegt mehr!
Woody Valley, renommierter Hersteller von Gurtzeugen, hat die brandneuen Voyager Plus-Leichtgurte beigesteuert. Bei diesen Gurtzeugen wurde neues Druckverfahren für das Branding ausprobiert, wir konnten es unter extremen Bedingungen und Temperaturen testen.
Timezone, ein bekannter, sehr innovativer und weltoffener Hersteller von sportlicher Qualitätsbekleidung hat uns mit schicken T-Shirts, Jacken und Hosen ausgestattet und sich noch ein paar spezielle Fotosessions in Tassilaq und Reykjavik erbeten, an denen wir viel Spaß hatten.
Icaro 2000 hat uns die tollen Fly-Helme mitgegeben, passend zu den Farben von Schirm und Bekleidung.
Polarisierte Brillen bekamen wir von Polar, um die wir an sonnigen Tagen sehr froh waren.
Wir haben uns einige Male getroffen, um die Ausrüstung zu kontrollieren, zusammenzustellen und ein paar Probeflüge zu machen, und so schafften wir das erst Undenkbare: Am 11. August 6.00 morgens checkt jeder von uns mit exakt 20 Kilo plus fünf Kilo Handgepäck am Münchner Flughafen für den Flug nach Island ein. Allerdings ohne Rettungsschirme, überflüssiger Kleidung und persönlichen Spielzeugen!
Der Weiterflug von Reykjavik nach Kulusuk, Ostgrönland geht erst am nächsten Tag, so bleibt uns viel Zeit, die Stadt zu erkunden, eine kleine Fotosession für Timezone einzulegen und das isländische Essen zu genießen.
Am nächsten Morgen geht es dann vom lokalen Stadflughafen mit einer zweimotorigen Fokker 50 weiter nach Kulusuk, einer kleinen Insel an der Küste und der einzige internationale Flughafen der Ostgrönlands. Zwei Stunden Flug über das Meer, dann kommen die ersten Berge in Sicht. Schon vom Flugzeug aus sind die spitzen, aus dem Eismeer ragenden und von Gletscher umrandeten Granitpyramiden sehr beeindruckend und insgeheim denken wir uns in diesem Moment, wie wir wohl auf die Dinger raufklettern oder gar dort oben starten sollen?
Der Flughafen in Kulusuk ist schon ein Abenteuer für sich: Die Landebahn eine kurze Schotterpiste, links davon ein hoher Granitberg, rechts und hinten das Meer mit Eisbergen und am Ende ein Gletscher. Wir nehmen unser Gepäck und gehen zum Schonerkai, an dem schon das kleine rote Boot wartet, das uns nach Tassilaq bringen soll. Der ausgewanderte Südtiroler Robert Peroni beschäftigt während des kurzen Sommers einheimische Inuit-Jäger als Bootsfahrer für Expeditionen und den Transfer vom Flughafen nach Tassilaq. In seinem kleinen Hotel "The Red House" sind nur Inuit beschäftigt, und er setzt sich sehr für die Rechte der Bevölkerung ein.
Wir erfahren, dass der Hafen erst seit einem Monat eisfrei und zugänglich ist und in ein paar Wochen schon wieder zufrieren wird. Die Fahrt übers Meer, vorbei an Eisbergen aller Größen und Formen und an den steilen Bergen der Küste entlang lässt unsere Herzen höher schlagen. Ja, so haben wir alle von Grönland geträumt!
In Tassilaq werden wir von Vera und Thomas, zwei Mitarbeitern von Roberts „Roten Haus“ abgeholt und in unser Hüttchen gebracht, mit Aussicht aufs Eismeer und auf majestätische Berge. Drei Tage Aufenthalt in Tassilaq sind geplant, um sich zu akklimatisieren und die restliche Ausrüstung zusammenzustellen. Schon am ersten Tag finden wir hinterm Haus einen Hügel mit Blick aufs offene Eismeer, an dem wir etwas soaren können. Noch zwei Tage im Dorf rumhängen halten wir aber nicht aus, zu groß ist unser Entdeckerdrang. Deshalb lassen wir uns am nächsten Tag mit dem Boot und den Gleitschirmen im Gepäck auf die andere Seite des Fjords zu den Bergen bringen. Wir suchen uns den Berg aus, der am saubersten vom Wind angeblasen wird und nehmen die Direttissima nach oben. Etwa 600 Meter höher finden wir eine Startmöglichkeit.
Dazu gibt es eines zu bemerken: Die Granitberge in dieser Gegend beginnen direkt am Meer und sind bis zu 1600 Meter hoch. Sie sind extrem steil und schwer zu besteigen, teilweise von Gletschern umgeben und man fühlt sich wie auf dem Dach der Welt. Überhaupt hatten wir die ganze Zeit über den Eindruck, uns immer oberhalb gefühlter 3000 Meter zu bewegen.
Denis startet als Erster, er bekommt sogar etwas Aufwind und es gelingen uns die ersten tollen Fotos. Danach starten Gudrun und ich mit dem Tandem, fliegen aufs Meer hinaus, um einen Eisberg von oben zu fotografieren, und landen schließlich bei Denis in einer traumhaft schönen Blumenwiese mit frischem Quellwasser. Alessio und Mirco folgen, und ihre Flüge über den Eisberg und der Blumenwiese versetzen unsere Fotografin in Extase! Der Rückweg zu Fuß von der Stelle, wo uns das Boot abgesetzt hatte, um den Fjord herum nach Tassilaq, ist mit etwa 4 Stunden angegeben. Durch unseren Flug konnten wir den Rückweg nicht nur auf weniger als eine Stunde reduzieren, sondern ersparten uns auch das mühsame Furten (Durchwaten) einiger Flüsse.
Tags drauf sind unser Essen und der Rest der Ausrüstung bereit. Wir machen noch einen Rundgang durchs Dorf, besorgen uns im Supermarkt ein paar Süßigkeiten und Batterien und schiessen noch ein paar Bilder. Das 4-gängige Abendessen im Roten Haus geniessen wir noch ausgiebig, denn für die nächsten 10 Tage wird es nur noch selbstgekochtes Futter geben. Thomas übergibt uns das Gewehr, ein großes Kaliber mit acht Großwildgeschossen, wir testen noch einmal die Satellitenverbindung und verladen dann die komplette Ausrüstung.
Endlich geht es los, mit dem Boot den Sermelik Fjord hinauf, dann weiter in den Johann Peterson Fjord hinein.
Die Eisberge werden immer dichter, wir kommen nur noch mühsam und sehr langsam weiter. Der Inuit-Jäger steuert das kleine Boot mit einer Engelsgeduld bis fast ans Ende des Fjordes, wo kaum noch offenes Wasser sichtbar ist. Wir legen an einer steinigen Stelle der Küste an, laden unsere Ausrüstung aus und verabschieden den Bootsfahrer. Er wird uns in fünf Tagen wieder abholen und zum nächsten Ziel bringen. Die Aussicht ist wie von einem anderen Planeten: Knallblauer, dunkler Himmel. Rechts ein 1000 Meter hoher Gletscherbruch, über dem das Inlandeis seine Eisberge alle 15 min mit Donnergrollen ins Meer schiebt. Vor uns zwei weitere riesige Gletscherzungen, umrahmt von steilen, dunklen Bergen. Links der eisbedeckte Fjord, durch den wir gekommen sind, dunkles, spiegelglattes Wasser mit grellen Eisblöcken. Und hinter uns ein weites Tal, mit einem breiten Fluss und vielen bewachsenen Stellen am Rand, am Ende begrenzt von einem Gletscher. Wir wählen für unser Basislager eine grüne, nicht ganz ebene Wiese, etwa fünf Minuten vom Wasser entfernt, und bauen die Zelte auf. Alessio hat schon einen Startplatz entdeckt und am Nachmittag klettern wir auf den ersten Berg. Auf etwa 400 Metern über dem Eis finden wir eine Wiese, an der der Wind richtig ansteht. Die kleine Kamera in den Schirm gehängt, die große Nikon bereit, geht’s in die Luft, übers Eismeer vor einem kalbenden Gletscher. Unbeschreiblich!
Die Temperatur war tagsüber sehr angenehm, um die 20 Grad. Abends dann beim Kochen wurde es schon deutlich kühler. Im Zelt waren wir froh über unsere lange Unterwäsche und den warmen Schlafsack. Die nächsten Tage sind geprägt von langen Bergtouren, atemberaubenden Flügen von den Gipfeln der Umgebung und Fotografieren ohne Ende. Eines Abends bekommen wir Besuch: Ein Polarfuchs kommt angeschlichen und schnuppert an unserem Essen. Er ist zwar vorsichtig, hat aber keine Angst vor uns, wohl weil er solche merkwürdigen Wesen noch nie gesehen hat. Nach einer Weile frisst er uns sogar aus der Hand und er bleibt für die restlichen Tage bei uns, nicht ohne uns einen Löffel und die Butter zu klauen. Selbst die seltenen, scheuen Schneehühner scheinen uns Menschen nicht zu kennen. Beim Wasserholen wäre ich fast auf eines gestiegen, nur die quiekenden Küken haben mich auf die perfekt getarnte Henne aufmerksam gemacht. Zu erfahren, dass die wilden Tiere vor uns keine Angst hatten, war ein ganz besonderes Erlebnis.
Denis und ich beschließen, an einem Nachmittag mit leichten Regen das Ende des Tales und den Gletscher zu erkunden. Nach zwei Stunden Fußmarsch durch großes Geröll und einer nur mit Fixseil zu bewältigenden Flussquerung erreichen wir den Gletschersee. Am Rand des Gletschers klettern wir noch einige hundert Höhenmeter hoch, bis wir auf die spaltenfreie Zunge des Gletschers kommen. Auf dem Weg dorthin kommen wir an tiefen Eishöhlen vorbei, die weit bis ins Innere des Gletschers führen. Der Eingang schimmert noch im türkis weißen Licht, welches zusammen mit plätscherndem Wasser dann in tiefer Dunkelheit verschwindet.
Wir wagen es, über den Gletscher zu wandern und den Ausblick zu genießen. Voll motiviert, beraten wir, ob wir weiter bis zum oberen Ende des Gletscher gehen sollen, als zwei große Muren am Rand abgehen und uns deutlich machen, dass es wohl an der Zeit sei, umzukehren. Wir umrunden noch den Gletschersee, bewundern eine riesige Eisarena und treten dann auf der anderen Talseite den Rückweg an, der sich ewig lange zieht.
Am letzten Tag in dieser Gegend gehen Alessio und ich mit unseren Gleitschirmen noch auf einen anderen Gipfel, Mirco beschließt nach unserem Schwärmereien den Gletschersee zu besuchen und Gudrun und Denis gehen mit der Kamera auf Robbenjagd. Zum Abschluss noch ein schöner Flug übers Eismeer, mit Landung am Sandstrand. Mirco kommt spät zurück, müde und etwas gestresst. Nachdem er in der Ferne am Gletscher einen Eisbären erblickt hatte, legte er den Rückweg in absoluter Rekordzeit zurück!
Wir rufen mit dem Iridium Robert an, der uns das Boot für den nächsten Morgen bestätigt.
Gegen Mittag kommt das Boot, allerdings mit großer Verspätung. Wir hatten uns schon darauf eingestellt, die komplette Ausrüstung über die Berge in Richtung Sermelik Fjord tragen zu müssen, da das Eis in unserem Fjord noch dichter als am Tag der Ankunft geworden ist.
Der Bootsfahrer aber ist ein erfahrener Jäger und lässt sich vom Eis nicht aus der Ruhe bringen. Auf die Frage hin, ob die laut krachenden Begegnungen des Bugs mit kleineren Eisschollen keinen Schaden hinterlassen, lacht er nur. Unser Ziel ist, in Tineteqilaq, einem kleinen Dorf im Sermilik Fjord, vorbeizuschauen, dort unseren Nahrungsvorrat um Schokolade und Fruchtsaft zu ergänzen und dann weiter über den Polarkreis bis ins so genannte Schweizerland vorzudringen. Nach etwa zwei Stunden schneller Bootsfahrt wird das Eis immer dichter, bis an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken ist. Die Berge an dieser Küste sind so steil, dass wir weder einen Aufstieg, noch einen Lagerplatz oder gar einen geeigneten Landeplatz finden können. Wir beschließen, zurück nach Tineteqilaq und von dort zum Kugarmiit-Tal zu fahren. An der Mündung des Flusses in den Fjord lässt uns der Bootsfahrer aussteigen und wir finden einen tollen Lagerplatz, neben dem Fluss mit Blick aufs Eismeer und die hohen, vertikalen Granitberge.
Das Kugarmiit-Tal ist sehr fruchtbar, mehrere Seen, viele Rinnsale und Quellen und ein kristallklarer Fluss sorgen für genügend Wasser. Üppige Wiesen sind von Blau- und Schwarzbeeren überzogen, Blumen in den unglaublichsten Farben wachsen hier und die Ränder der Seen sind von dichtem Moos und Wollgras bedeckt. Wie auch am ersten Camp wachsen auch hier Steinpilze in Unmengen und finden ihren Weg in unseren Risotto. Das Quellwasser ist von einer unglaublichen Qualität, wo immer etwas rinnt, hat es absolute Trinkwasserqualität. Entsprungen aus ewig alten Eis, geläutert durch Granit-, Gneis- und Geröllschichten, um schließlich in plätschernden Quellen aus dem Berg zu sprudeln.
Wir finden einen Platz zum Soaren, zum Aufziehen und zum im Wind spielen. Das Tal ist recht windig, deshalb probieren wir einige Stellen links und rechts aus, um genügend Aufwind zu finden. Aber irgendwie haben wir immer Seitenwind, lediglich an einem vorgelagerten Hügel können wir nach einem langen, mühsamen Aufstieg auf einer Granitplatte starten und über den Fjord zurück zum Camp fliegen.
Wir beschließen, am nächsten Tag den hohen Berg, der das Tal vom Fjord trennt, zu besteigen. Von unten sieht es so aus, als ob am Gipfel genügend Schnee liegt, um starten zu können. Alessio, Denis und ich machen uns in aller Frühe auf den Weg. Nach einer zweistündigen Kletterei über fast vertikale Blaubeerwiesen und Schotterhalden kommen wir in festen Fels. Ab hier geht es nur noch mit Seil weiter. Nach weiteren zwei Stunden erreichen wir ziemlich erledigt den Gipfel und werden mit einem sensationellen Ausblick belohnt. Umrahmt von imposanten Bergen, Gletschern, Fjorden und in der Ferne dem Inlandeis stehen wir in dieser unglaublich schönen Landschaft. Nach einer kurzen Pause, in der wir die nassen T-Shirts wechseln, etwas trinken und die obligatorischen Gipfelfotos der Erstbesteiger machen, legen wir unsere Gleitschirme aus. Wir heben alle drei problemlos ab und werden mit einem langen Flug über den Fjord, das Eismeer und das paradiesische Kugarmiit-Tal belohnt. Kurz nach Mittag landen wir bei den Zelten. Nach einer kurzen Rast steht der Wind so gut an, dass wir alle zusammen noch mal 300 Höhemeter aufsteigen, um vielleicht doch noch zu soaren. Der Wind steht zwar an, ist aber etwas zu schwach. Ich starte mit dem Tandem alleine, und dank der großen Fläche gelingt es mir, ein paar hundert Meter hochzusoaren. Just in dem Moment, in dem mir der Gedanke kommt, es bis zum Gipfel zu schaffen, wird der Wind noch schwächer und ich muss am Startplatz wieder einlanden. Wir warten noch eine Weile, nutzen dann den verbleibenden Wind, um wenigstens zum Camp abzugleiten und um uns den Abstieg zu Fuß zu ersparen. Am letzten Tag in diesem wundervollen Tal nehmen wir die Gleitschirme und wandern etwa drei Stunden in südlicher Richtung, vorbei an von Moos und Wollgrasfeldern umwachsenen Seen, Blumenwiesen und Quellen bis zu einem Pass. Von hier erhoffen wir uns zurück zum Zeltplatz fliegen zu können. Alessio startet als Erster und schafft etwa ein Drittel der Strecke. Denis beschließt, noch etwas höher zu gehen und dort zu starten. In der Zwischenzeit hat sich die Windrichtung um ein paar Grad gedreht und Denis säuft nach dem Start extrem ab. Er muss in einem Geröllfeld notlanden. Angesichts der Bedingungen beschließen Gudrun und ich schweren Herzens, den Rückweg zu Fuß zu machen, und wir schaffen es gerade noch rechzeitig zum Camp, um unsere Sachen einzupacken bevor das Boot kommt. Mirco hat extreme Krämpfe in den Beinen, wahrscheinlich durch Überanstrengung. Wir beschließen, ihm oral Morphin zu geben, und nach etwa 30 Minuten lassen die Schmerzen nach. Wir überreden den Bootsfahrer noch, die lange Route über den Fjord und das offene Meer nach Tassilaq zurückzufahren, um die vom Gipfel gesichteten Berge noch mal von unten sehen zu können. Wir fahren an einer majestätischen, schier unbezwingbaren Bergwelt auf vertikalen Granitpfeilern, Gletschern und Sandmoränen vorbei.
In Tassilaq angekommen sind wir so müde, dass wir die lang ersehnte Dusche auf den nächsten Morgen verschieben und nach einem feinen Abendessen im Roten Haus todmüde ins Bett fallen. Nach der Dusche am Morgen, einem ausgiebigen Frühstück und einem Rundgang durchs Dorf nehmen wir unsere Gleitschirme und besteigen den Hügel hinterm Dorf. Dahinter liegt ein kleiner See und nach einem weiteren, kleineren Granithügel kommt das offene Meer mit vielen Eisbergen. Als ob es das Abschiedsgeschenk der grönländischen Götter sein soll, steht der Wind perfekt an und wir können stundenlang im laminarem Aufwind soaren, Toplanden und spielen. Nach und nach kommen die Einheimischen zum Zuschauen, die Kinder bringen uns Blumen und Beeren. Einige Fotografen und ein deutsches Filmteam sind wegen Greenpeace in Tassilaq und auch sie bewundern und fotografieren unsere bunten Stofffetzen über der Stadt.
Greenpeace will den einheimischen Jägern die Robbenjagd verbieten. Dabei leben an der gesamten Ostküste weniger als 3000 Inuit, die seit Jahrtausenden ausschließlich von der Jagd leben und den Tierbestand noch nie gefährdet haben. So wie Wale Kleinstlebewesen, Robben Fische und Eisbären Robben jagen, so leben die Inuit von den Tieren ihrer Heimat. Die kommerziellen Fangflotten der Industrienationen haben den Tierbestand Grönlands schwer dezimiert, und nun wollen eben diese Nationen über ihr politisches Werkzeug Greenpeace den Inuit durch das Jagdverbot ihre Lebensgrundlage nehmen und sie dadurch ausrotten. In der Inuit-Tradition muss ein Mann, der die Familie nicht durch seine Jagd ernähren kann, durch Selbstmord die Gemeinschaft verlassen. Die Aktion in Tassilaq hat für die dortige Bevölkerung und die anwesenden Weißen definitiv den Eindruck erweckt, als ob Greenpeace aus politischen und Erfolgsgründen sich nun dem Genozid an schwachen, friedlichen Minderheiten widmen muss, um die Umwelt zu schützen. Für Dienstag, dem Tag nach unserer Abreise, planten die Inuit erstmals in ihrer Geschichte eine Demonstration. Die Inuit haben sich noch nie gemeinsam gegen die Zerstörung ihrer Welt gewehrt, insofern war die Flotte an Kajakts und Booten, die sich dem riesigen Greenpeace Schiff entgegenstellten, zumindest für Insider eine Revolution. Wollen wir hoffen, dass sich die Gesellschaft für bedrohte Völker nun der Sache annimmt.
In der Nacht vor unserer Abreise beginnt es zu regnen, ein heftiger Sturm lässt unsere Hütte erzittern. Fast hört es sich an, als ob der Pitaraq, ein extrem stürmischer Fönwind, bläst, bei dem man das Haus nicht mehr verlassen kann. In der Früh regnet es zwar noch ein wenig, aber der Bootstransfer zum Flughafen ist möglich. Die Überfahrt ist sehr anstrengend. Hoher Seegang und spritzende Gischt durchnässt uns und die Sprünge des Bootes von Welle zu Welle machen das Sitzen zu einem akrobatischen, eher schmerzhaften Unternehmen. In Kulusuk wartet die Fokker 50 schon auf uns, mit der es nach Island weitergeht. Nach der halben Flugstrecke klart es auf, wir sehen tief unter uns das Meer, übersät von weißen Gebilden. Zuerst nehemn wir an, dass es seine unzählige Eisberge seien, bis uns klar wird, dass dort unten ein Sturm tobt und dieser riesige Wellenberge zum Brechen bringt. Dementsprechend turbulent werden auch der Landeanflug und die Landung in Reykjavik. Es bleiben uns ein paar Stunden Wartezeit am internationalen Flughafen von Island, der um diese zeit völlig verlassen ist. Der Rückflug nach München verläuft ruhig. Wir werden am Flughafen abgeholt und gönnen uns an der ersten Raststätte erstmal ein Frühstück mit Croissants und Cappuccino. Dabei sprechen wir aus, was alle schon seit Langem denken: Wir müssen um jeden Preis nächstes Jahr zurück nach Grönland!
Ostgrönland ist eine völlig unberührte Landschaft. Die wenigen kleinen Siedlungen liegen an der Küste, ihre Bewohner leben vom Fischfang und der Robbenjagd und wagen sich so gut wie nie ins Inland. Als Besucher ist man schon nach einer kurzen Wanderung in einer Landschaft ohne jegliche Spuren von Menschen, ganz auf sich alleine gestellt. Der Sommer dauert knapp zwei Monate. In dieser Zeit erwacht die Natur: Blumen und Gräser sprießen, überall wachsen Blau- und Schwarzbeeren, essbare Pilze und Moose. Das Wasser ist besser als jedes käufliche Mineralwasser und die Tagestemperaturen angenehm. Wir hatten nur sehr wenige Steckmücken und ansonsten waren alle Begegnungen mit Tieren friedlich und entspannt. Wem diese Beschreibung an das verlorene Paradies erinnert, der sollte bedenken, dass die restlichen zehn Monate das Land komplett unter Schnee und Eis begraben liegt, alle Fjorde und auch das Meer bis weit in den Süden zugefroren und Tassilaq nur mehr per Hubschrauber erreichbar ist.